Wiederholungstäterinnen aus Leidenschaft 3/3

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These 6: Zwei Stunden Russischkurs für 100 Euro werden locker ausreichen, um uns über die wenigen Sprechsituationen hinwegzuhelfen.

Nein, taten sie nicht. Die 100 Euro wären sinnvoller in Rubbellose oder mehrere Rollen Knallplastikfolie investiert gewesen. Immerhin haben wir beim Russischkurs aber eine Katze namens Bussi kennengelernt, damit war der Kurs nicht ganz umsonst. Die russischen Buchstaben, die uns im Kurs im Schnelldurchlauf beigebracht wurden, hießen in Sankt Petersburg dann aber nur noch “das Auto” (д), “das Tischerl” (п) und “das umgedrehte Tischerl mit dem Schwanzerl” (ц). E., die als einzige von uns keinen Sprachkurs gemacht hatte, lernte sich im Taxi zum Hotel kurz die wichtigsten Floskeln an und rettete uns fortan in vielen Situationen mit ihrem Wissen um die korrekte Aussprache der Buchstaben “Auto”, “Tischerl” und “umgedrehtem Tischerl mit Schwanzerl”.

Was unsere Russischkenntnisse betrifft, so wird wohl auch ein gewisser Ausflug nach Puschkin unvergessen bleiben, den wir hauptsächlich an einem halb-stillgelegten Bahnhof in Sankt Petersburg damit verbrachten, Wachpersonal und Polizisten nach dem Weg zu fragen, ohne dabei verhaftet zu werden, weil wir in unserer Unfähigkeit, die Floskeln aus dem Reiseführer korrekt auszusprechen womöglich anstatt “Wo kann man hier die Tickets nach Puschkin kaufen?” wüste Beschimpfungen des Präsidenten von uns ließen. Oder wir würden verhaftet, weil wir eine Stunde damit verbrachten, uns höchst auffällig durch das Bahnhofsgebäude zu bewegen, ihn verließen, wieder betraten, wieder verließen, wieder betraten, ihn durch die Hintertür betraten, wieder verließen, wieder betraten und schließlich wieder verließen, nur um ihn fünf Minuten später durch den Seiteneingang wieder zu betreten.
Oder wir würden verhaftet weil wir uns im Bahnhof gleich mehrfach versehentlich mit Polizisten im Hintergrund abfotografierten, was diese womöglich nicht besonders passend fanden.

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Bis jetzt ist es mir ein Rätsel, wie wir den Zug nach Puschkin doch noch bekommen hatten. Vieles sprach eigentlich dagegen. Im Zug selber nahm uns zum Glück eine als Schaffnerin verkleidete Mutti unter die Fittiche, die uns in Puschkin fast schon an der Hand in Richtung Zugtür weiste.

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These 7: Es gibt drei Dinge, die du in Sankt Petersburg gesehen haben musst: das Bernsteinzimmer, die Eremitage und das Fontänenmuseum.

Dieses Mal schauten wir uns, anders als in Moskau, zwar mal keine ausgestellten Leichen an, wenn man von der Mumie im der Eremitage einmal absieht, aber dafür waren unsere kulturellen Streifzüge keineswegs unspannender. Neben den Da Vincis und Rembrandts in der Eremitage und dem fast unvermeidlichen Bernsteinzimmer im Katharinenpalast, hatte uns vor allem ein Museum verblüfft: das Fontänenmuseum in Peterhof, auch genannt “das kleinste und uninteressanteste Museum der Welt mit dem meisten Personal”.

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Zugegeben, wir waren mehr als irritiert, als sich herausstellte, dass das online gekaufte Ticket nicht zum Eintritt in den Palast in Peterhof, dem pompösen Lieblingsschloss Peters des Großen, berechtigte, sondern zum Fontänenmuseum neben dem Palast. Da wir das Ticket aber nun schon einmal hatten und wir ohnehin dort waren, schauten wir es uns trotzdem an. Schnell ging es ja. Sehr schnell. Eigentlich war ich noch nie in einem Museum so schnell mit der Besichtigung fertig. Während du in der Eremitage selbst im Schweinsgalopp problemlos einen ganzen Tag verbringen kannst ohne alles gesehen zu haben, ist ein Besuch des Fontänenmuseums in Peterhof in fünf Minuten vorbei. Fünf Minuten, wenn du gemütlich durchschlenderst und dir in aller Ruhe alles anschaust. Das Wachpersonal, 5 Frauen auf 20 Quadratmetern, reagierte zunächst höchst verstört, als wir eintraten. Sofort war die Stimmung deutlich aufgepeitscht, da sie augenscheinlich nicht wussten, wie sie mit der Situation “Kundschaft” mit einem Mal umgehen sollten. All die Jahre führten sie ein ruhiges Leben ohne lästigen Besucherverkehr und es war ein gutes Leben! Was wollten diese Arschlöcher plötzlich hier? Nachdem die Chefaufseherin uns nach einer hektischen Lagebesprechung mit ihrer Kollegin die Karten abgerissen und mit Kulli irgendwas draufgeschmiert hatte (damit klar war, dass wir die Eintrittskarten nur einmal verwenden durften), schritten wir motivierten Stechschrittes zum Ende des Vorraums, in der Hoffnung, es würde dahinter der eigentliche Teil des sicher sehr interessanten Fontänenmuseums beginnen. Fehlanzeige. Der Vorraum war das Museum. Ausgestellt waren Holzstiche zu den Fontänen, Fontänentechnikteile und eine animierte (!) Erklärung der Fontänentechnik, die uns eine der fünf Angestellten halb begeistert vorführte. Nach fünf unglaublich öden Minuten endete für uns der Besuch im Fontänenmuseum und für die Angestellten darin der wohl stressigste Arbeitstag ihres Lebens.

These 8: Ganzkörperscanner existieren nicht.

2010 ließ ich meinen Reisepass erneuern und genauso alt ist auch das supergrimmige Foto von mir darin. Vielleicht lag es ja wirklich an meinem damaligen Gesichtsausdruck, jedenfalls hatte der Zollbeamte am Sankt Petersburger Flughafen große Probleme, Ähnlichkeiten zwischen mir und der Frau auf dem Foto zu erkennen. Erst als ich versuchte, den superscheißegelaunten Blick von damals nachzustellen, knallte er beruhigt den Stempel in den Pass. Er wusste: spätestens im Ganzkörperscanner würde es ohnehin auffallen, wenn etwas mit mir nicht stimmte.

Der Ganzkörperscanner – der erste meines Lebens, falls es tatsächlich einer war – war eine kleine Kabine mit einem Ein- und Ausgang, durch die ein Rollband all jene Passagiere beförderte, die in irgeneineiner Weise verhaltensauffällig waren oder zumindest kurz komisch gekuckt hatten oder/und nen komischen Pulli anhatten.

Für alle anderen gab es noch die normale Sicherheitskontrolle, an der auch A., E., L. und ich uns anstellten. A. und ich saßen bereits gelangweilt hinter der Kontrolle, während E. und L. noch an der Sicherheitskontrolle warteten. Was muss man wohl tun, damit die einen auf das Rollband schicken, fragten wir uns, als plötzlich rechts von uns auch schon L. auf dem Rollband mit voller Geschwindigkeit durch den Scanner fuhr. Sie stand auf dem Band wie auf einem Surfbrett und sah so unauffällig und routiniert drein, als wäre es das allernormalste auf der Welt. “Weil sie nen knallgelben Pulli anhat”, raunten wir uns wissend zu, als L. an uns vorbei fuhr.

These 9: Wenn jemand zu dir sagt “Trust me, I am a Russian”, dann vertrau allen Menschen auf der Welt, aber nicht dieser Person. Diese Person ist womöglich nicht einmal ein Russe, sondern eine österreichische Urlauberin namens S., die vielleicht von so einigen Dingen gesundes Halbwissen hat, aber nicht von Russland.

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These 10: Wir fahren niemals wieder nach Russland.

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One thought on “Wiederholungstäterinnen aus Leidenschaft 3/3

  1. These 10 erfüllt mich ehrlich und wahrhaftig mit Erleichterung. Ich hab mir ernsthaft Gedanken gemacht um euer Seelenheil und ein wenig auch um eure Zurechnungsfähigkeit…

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