Wiederholungstäterinnen aus Leidenschaft – Teil 1

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Nie wieder fahren wir nach Russland, ab jetzt gibts nur noch Côte d’Azur, sagten wir uns letzten Mai, als wir im Flugzeug von Moskau zurück nach Wien saßen. Berühmte letzte Worte.

Dieses Mal ging es lediglich nicht nach Moskau, sondern in die andere russische Metropole: Sankt Petersburg. Und auch dieses Mal haben wir wieder einige Thesen nach allen Maßstäben der empirischen Sozialwissenschaft vor Ort überprüft.

These 1: Es gibt auch noch andere Lebensmittel in Russland. Nicht nur Sauerrahm, Topfen und Karamell.

Immerhin hat Katharina die Große diesem Land die Kartoffel auf den Speiseplan oktroyiert, wie wir uns im Flieger nach Sankt Petersburg noch notdürftig an wissenswerter Information über die Stadt angelernt hatten. Wenn dieses Land Kartoffeln hat, so dachten wir, dann muss dessen Küche mindestens so raffiniert und hochentwickelt sein wie die belgische, die der Welt immerhin Pommes brachte und so ganze Fressketten reich und Generationen von Menschen fett machte. Wir waren fest davon überzeugt, dass wir der russischen Kulinarik aufgrund unserer vieler Erfahrungen mit Topfen, Sauerrahm und Karamell in Moskau schweres Unrecht getan hatten, weil wir vielleicht einfach in den falschen Lokalen gegessen hatten. Tja. Das dachten wir. Aber dann erreichte uns schon an unserem ersten Abend ein Teller mit einem riesigen Batzen Saurrahm und ein paar den Sauerrahmbatzen umringenden Beilagen, die immerhin aber durchaus frittierte Stampfkartoffeln hätten sein können oder zumindest ein ähnlicher Gatsch in Gelb.

“Na gut, dieses eine Mal noch”, versuchten wir Russland mit zweiten und dritten Chancen förmlich zu überschütten. Aber es folgten leider noch so einige Hinweise, dass Topfen, Sauerrahm und Karamell in Russland einfach in keinem Essen fehlen durften. Eine Tiramisu-Nachspeise wäre fast wieder zurück in die Küche gewandert, weil wir dachten, sie sei hinüber, dabei war einfach nur schön viel Sauerrahm drinnen. Gut, vielleicht war der Sauerrahm dennoch hinüber – das Tiramisu war relativ umstritten. Bemerkenswerterweise schafften es die russischen Köche es aber stets, sich selber noch einen drauf zu setzen und so überraschten sie uns als Highlight schließlich mit einer Art Sauerrahmlikör. Sie haben es geschafft, aus Sauerrahm Alk herzustellen!

Die überschwängliche Flutung aller Essen mit Sauerrahm und Topfen schaffte es sogar, dass manche von uns sich (vermutlich aus Verzweiflung) freiwillig in die andere Lieblingszutat flüchteten. E. wurde zumindest täglich mehrfach in der Nähe des einschlägigen Kuchenlokals “Biblioteka” mit karamellisierten Törtchen beobachtet und schleuste eine davon sogar durch die strengen russischen Sicherheitschecks bis ans Gate. Was Sauerrahm aus den Menschen macht…

Daneben ließ das russische Essen wieder ein paar Fragen offen. War das, was ich beim Frühstück zunächst optisch für Chicken Nuggets gehalten hatte, tatsächlich, wie L. vermutete, leckere frittierte Leberpastete? Doch warum sollte jemand Leberpastete frittieren? Wir wollen mal glauben, dass L. trotzdem recht hat. L. scheint immerhin über Geschmacksnerven zu verfügen, die andere Menschen nicht haben. Während die einfacher Gestrickten unserer kleinen Reisegruppe beim geschmacksneutralen Hotelfrühstück ohnehin keinerlei Unterschiede zwischen Wurst, Käse, Omelett und Haferschleim erkennen konnten, identifizierte sie selbst kleinste Spuren von Kardamon im Milchreis. Fazit zum Hotelfrühstück: wer Kardamon in den Milchreis gibt, der frittiert auch eine Pastete.

These 2: Das Wetter lässt sich ganz leicht austricksen: Wenn wir Regenponchos dabei haben, regnet es mit Sicherheit nicht.  image

Na klar, die Sache liegt auf der Hand: gerade weil wir Regenponchos mitgenommen hatten, beschworen wir den Sturzregen am ersten Abend geradezu herbei, würden jetzt Schmalspuresoteriker für ein paar hundert Euro die Stunde scharfsinnig die Lage durchanalysieren. Man kann schließlich nicht einfach Regenponchos einpacken, ohne gedanklich schon an der Reissleine einer direkt über Sankt Petersburg liegenden Stauseeschleuse zu ziehen. Na gut, dann hat es eben kurz einmal geregnet und wir sind trotz Ponchos innerhalb von zehn Minuten bis auf die Haut nass geworden, weil das Wasser von unten kam. Aber wir hatten Ponchos und sie waren schick!

Da die hübschen Ponchos vom Roten Kreuz waren, hatten wir auf unseren zehnminütigen Run durch die Regenmassen in ein zufällig umherstehendes Irish Pub kurzzeitig die Sorge, wir könnten bei einem Unfall zurecht kommen und müssten irgendwo in Downtown Sankt Petersburg bei strömendem Regen und in bestem Kyrillisch Körperteile notamputieren müssen, weil man uns versehentlich für hochausgebildete Rettungskräfte hielt, doch wir kamen noch einmal davon. Niemand hielt uns für irgendetwas, weil nämlich außer vier Touristinnen – uns – auch gar keiner auf der Straße war.

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Es zeigte sich schließlich, dass Wetter das ist, was du daraus machst. Keine Ahnung, welcher schlechte Werbeclaim mir da gerade in den Sinn kam, aber in unserem Falle stellte sich schnell ein entspannter Fatalismus ein. Als es regnete, waren wir froh, dass es nicht auch noch windete und als der Wind uns auf einer nie enden wollenden Bootsfahrt durch die Newa und all ihre Seitenarme und Kanäle plus Seitenkanäle und Nebenkanäle der Seitenkanäle die Ohren abfror, sodass manch Neurotikerinnen sich sogar die nach Benzin schnuppernde Touristen-Notdecke um den Kopf wickelten, waren wir froh, dass es nicht regnete. So fühlt sich also Zufriedenheit an, dachten wir uns, während wir uns nur noch mehr in die sicher sehr oft gewaschene Touristen-Notdecke einkuschelten. “Warum fahren wir immer wieder in dieses Land”, hörte ich L. nur einmal tief seufzen, mit der Decke auf den Kopf, “Andere fahren in die Toskana”.

Bald geht’s weiter mit Teil 2 und 3 und unseren weiteren Thesen.

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