Meister Jaekel

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Wie oft schon bin ich an diesem Geschäft vorbei gegangen… Jahre ist es her, wenn nicht Jahrzehnte, als mich eine Frau an der Stadtbahn-Haltestelle nach dem Weg zu Meister Jaekel fragte.Damals konnte ich ihre Frage nicht beantworten. Kurze Zeit später bemerkte ich den Laden und beschloss, ihn eines Tages zu betreten – ein richtiger, echter Schuhmacher, wie es sie heute nur noch selten gibt. Jahr um Jahr zog ins Land, ich betrachtete das Schaufenster im Vorübergehen und freute mich, dass der Betrieb sich über die Jahrzehnte halten konnte.
Mit dem Alter wird man manchmal weiser und die Zipperlein beginnen hier und dort zu plagen. Die schlechten Angewohnheiten nehmen zu und die Bequemlichkeit auch.
Ich hatte ein paar Stiefelchen, die mir regelmäßig Knieprobleme bereiteten. Ich mochte sie, und die Mode der Saison hatte keine Schuhe im Angebot, die meinem Geschmack genügten. Ich mochte meine Stiefelchen, und zum Wegschmeißen waren sie allemal zu schade. Also beschloss ich, sie – weise, wie ich nun eben geworden war – nicht zu Mister Minit, sondern zu Meister Jaekel zu bringen.
Neu besohlen stellte sich (wie fast zu erwarten war) als recht kostspielig heraus. Ein neuer Absatz aber war drin. Außerdem versicherte mir Meister Jaekel, dem das ‚Sie‘ allem Anschein nach eher unsympathisch ist und was ihn mir wiederum sympathisch machte, dass die Kniebeschwerden nicht von der Sohle herrührten, sondern ganz sicher auf eine Fehlstellung der Füße zurückzuführen seien. Er könne eben diese gerne in Augenschein nehmen. Dieses Angebot wollte ich nicht abschlagen; die Gebrechen werden mit den Jahren nicht weniger, und warum nicht beizeiten entgegen wirken, wenn möglich?
Als Meister seines Fachs erkannte er sofort, wo das Übel zu finden war. Ein adrettes Fußskelettmodell (es gruselt mich noch immer, fast wähnte ich mich in einer Geisterbahn) diente der Veranschaulichung.
Ich werde Meister Jaekel bald wieder einen Besuch abstatten und seinen Dienst in Anspruch nehmen. Und vielleicht darf ich in diesem kleinen Universum ja ein wenig fotografieren, in diesem herrlichen Sammelsurium von Schuhen aller Epochen, Schuhmacherwerkzeugen vieler Generationen, von Mobiliar, das Geschichten erzählen könnte, und nicht zuletzt einem menschlichen Unikum, dessen Art nicht aussterben darf!

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About Zini

Möchtegernschreiberin, Menschen- und Tierfreundin, Politikversteherin, Schwarzseherin/Optimistin/Realistin

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