Moskau, du machst uns fertig, Teil 4/4

OLYMPUS DIGITAL CAMERAErkenntnis # 7: “Harten Alk gibts nur bis 22 Uhr. Bis auf Tequilla, den gibts immer.”

Wer wie wir dachte, mit der Landung in Moskau einen überdimensionalen Schnappsladen zu betreten, hat sich geirrt. Ab 22 Uhr sind die Schotten dicht in der größten Destille der Welt.

Paranoid wie wir waren, vermuteten wir natürlich gleich eine Verschwörung gegen nicht-russische Touristen, als wir nach zwölf einen Mojito bestellten und keinen bekamen, weil es, so die geradezu lächerliche Begründung der Bedienung, “bereits nach zehn” war. Das ist so typisch, lästerten wir gehässig. Und alles nur, weil wir anders (= keine Russen) sind, wie gemein! Wir sahen uns in Gedanken entrüstet unseren Müttern auf den Postkarten davon berichten, dass man uns in Russland einen alkoholfreien Erdbeercocktail vorgesetzt hatte. In Russland! Als dann auch noch zwei russische Typen am Nebentisch zur gleichen Zeit sang- und klanglos einen Tequilla bekamen, schien der fremdenfeindliche Skandal geradezu offensichtlich. In der gewohnt investigativen Aufdeckermanier westlicher Journalistinnen bestellten sich zwei von uns daraufhin auch einen Tequilla, und das, obwohl sie Tequilla nicht nur nicht mögen, sondern eigentlich auch ein bisschen davon speiben müssen. Umso entsetzter waren wir, als man uns tatsächlich anstandslos zwei nicht gerade kleine Stamperl Tequilla herbeibrachte! Kein harter Alk nach 22 Uhr? Alles klar, Russia. 😉

Erkenntnis # 8: “Mit ein paar Decken kannst du dir auch in einem “Hop on Hop off”-Bus eine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre schaffen.”

Den verregneten Samstag verbrachten wir hauptsächlich in den Stadtrundfahrtbussen der Linien grün und rot. Tine Wittler wäre stolz auf uns zu sehen, wie wir es schafften mit nur wenigen Mitteln (ein paar Decken) eine zauberhafte Wohlfühlstimmung herzustellen. Endlich ein Ort, an dem wir unsere durchweichten Schuhe ausziehen und die zerfetzten Schirme ablegen konnten. Nebenbei freundeten wir uns mit dem netten, jungen Studenten der Buscrew an, dem wir sogar ein bisschen deutsch beibrachten (“Decke”, “es zieht”…). Wir beschlossen, den Bus nur noch zu verlassen, um wichtige Erledigungen zu machen: Essen und Souvenire shoppen. So grauslich konnte es gar nicht sein, dass wir nicht unsere Rubel in russischen Souvenirkitsch angelegt hätten, schon gar bei den Rabatten. “50% off” ist genau die Sprache, auf die auch wir hereinfallen! Die Tassen mit den besten Motiven gibts übrigens am Alten Arbat.

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Erkenntnis # 9: “Solange wir nicht zumindest eine der Stalin-Schwestern von innen gesehen haben, müssen wir immer wieder nach Moskau kommen. Genau wie in unseren zwangsneurotischsten Fieberphantasien.”

Moskau ist architektonisch betrachtet wohl eine der interessantesten Städte, in denen ich je war, zumindest wenn ich mir in meiner unendlichen Phantasie dasjenige zu einem sinnvollen Ganzen zusammenreime, was ich durch die nassen und beschlagenen Scheiben des Stadtrundfahrtbusses hindurch an Gebäude-Silhouetten gesehen zu haben glaube. Die einschüchternde Monstranz der bekanntesten Stalinbauten der Stadt, der sogenannten sieben Schwestern, erbaut in dem, was man man in Russland Zuckerbäckerstil nennt, steht dabei in krassem Gegensatz zu den bunten Zwiebeltürmchen der russisch-orthodoxen Kirchenbauwerke.

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Leider haben wir es nicht geschafft, eine der Schwestern von innen zu sehen und damit packt uns das Schicksal leider an unserer verwundbarsten Stelle: Neugier gepaart mit viel Sensationsgier und einen Hang zu Perfektionismus. Nichts ist so verheerend wie ein offenes ToDo.

Erkenntnis # 10: “Für die Roaminggebühren in Russland kannst du dir eine Woche Gran Canaria All Inclusive buchen.”

Dass für ausgehende Telefonate in Russland von manchen Anbietern vier Euro Roaminggebühren pro Minute verlangt werden ist ein Skandal, denn auch wenn du in Russland nicht gay bist, verhaftet wirst und du gerne deinen Anwalt in Wien anrufen möchtest, könnte es immer noch sein, dass du als einzige deiner Reisegruppe ein anderes Hotel gebucht hast und du besagter Reisegruppe bei jeder Gelegenheit hinterherrufen musst, weil
a) sie sich verirrt hat, während du schon seit über einer halben Stunde in einem Lokal auf sie wartest oder
b) du dich verirrt hast, und die Reisegruppe in einem Lokal (zB irgendwo “hinterm KGB”) auf dich wartet, ohne dir genau sagen zu können, wo sie eigentlich ist.
Und einer der beiden Fälle traf prinzipiell leider immer zu. Daher, liebe D., schlage ich vor, dass wir bei unserem nächsten Urlaub unter Palmen, alle a) Walkie-Talkies mithaben werden und b) alle dasselbe Hotel buchen mit c) Zimmern in Rufweite direkt nebeneinander. Mögliche Destination: die Krim.

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