Moskau, du machst uns fertig, Teil 3/4

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Erkenntnis # 4: “Der Hotelfön hat mehr Power, als du ihm jemals zugetraut hast.”

Der Hotelfön ist wahrscheinlich nach der Badekappe und dem Hotelbriefpapier das am meisten belächelte Hotelzimmeraccessoire. Im Gegensatz zu beiden letzteren, die sich ja einfach nur durch unglaubliche Sinnlosigkeit auszeichnen, hat der Hotelfön aber zumindest eine gewisse Existenzberechtigung, zumindest für Menschen mit Haaren, die beim Duschen eben nicht die Badekappe aus Frischhaltefolie aufsetzen. Umso seltsamer, dass der Fön meistens mit so wenig Watt ausgestattet ist, dass die Haare vermutlich schneller trocknen, wenn du eine mitreisende Person bittest, dich drei Stunden mit dem Mund anzupusten. Das dachte ich zumindest vor Moskau. Ich hatte ja keine Ahnung, dass uns der Hotelfön einmal das Wochenende retten würde.

Moskau, das ist wettermäßig fast wie Miami, nur ohne Beach, hatte ich mir früher immer gedacht. Wie naiv! Ich habe in über dreißig Jahren meines bisherigen Lebens selten in so kurzer Zeit so viele unterschiedliche Regenarten kennengelernt. Der Dauerregen bildete vom lauen Sprühregen, über mittelstarken Schnürlregen und temporärem Platzregen bis hin zu Eisregen, der von Orkanböen gesteuert von der Seite auf dich einpeitscht, so ziemliche alle Dimensionen ab, die Regen überhaupt annehmen kann. Die Stunde des Hotelföns war gekommen. Wenn wir uns nicht gerade im Regen verirrt hatten, fönten wir auf den Zimmern unser klatschnasses Zeug. Alles. Schuhe, Socken, Jeans, sodass wir zumindest die ersten fünf Minuten unseres nächsten Outdooraufenthalts trockenen Fußes waren. Und zumindest das hätte kein menschlicher Mund jemals durch Pusten zustandegebracht, egal wie luftmatratzenerprobt die Lunge sein mag. Hotelfön im Novotel, du bist ein echter Hero. Und plötzlich ergeben sich auch für die Badekappe ganz neue Einsatzmöglichkeiten…

Erkenntnis # 5: “Lenin wechselt seinen Anzug nur alle drei Jahre.”

Leichen anschauen ist üblicherweise nicht das, was ich mir unter einer gelungenen Freizeitgestaltung vorstelle. Wenn ich ehrlich bin, gruselt mich die Vorstellung so sehr, dass ich bis Moskau noch keine einzige Leiche gesehen hatte. Ich hätte mir nicht gedacht, dass der erste Tote, den ich in meinem Leben sehen würde, ein seit 1924 einbalsamierter, russischer Revolutionsführer und Gewaltherrscher sein würde, der da ganz natürlich wie Schneewittchen in seinem gläsernen Sarg die Besuchermengen empfängt. Und das auf nüchternen Magen. Die Sensationsgier ist ein Hund, sage ich euch.

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Ich muss sagen, dass mich beim Eingang des Mausoleums durchaus ein leicht mulmiges Gefühl erfasste. Der Taste nach Gruft lag in der Luft. Kurz vor dem Eingang zum eigentlichen “Sargraum” wurde ich von einer Wache angeschrien, dass ich gefälligst nicht so laut reden solle (“Entschuldigen sie bitte, Toteschauen ist für mich keine alltägliche Erfahrung. Haben sie niemals laut gesungen, wenn sie als Kind im Keller Kartoffeln holen mussten?”), aber das trübte die Gruselstimmung leider kein bisschen. Da liegt er also. Tot. Mit rotem Bart. Von drei Seiten zu besichtigen. Und alle drei Jahre wird er neu eingekleidet in Anzug und Krawatte, damit niemand sagen kann, “sag, hast gesehen, wie der Lenin wieder daherkommt?”

Das Mausoleum soll nicht mehr sehr lange der Öffentlichkeit zugänglich sein. Nachdem es im Laufe der Jahre immer wieder Überlegungen von Seiten der Regierung gegeben hatte, Lenin zu beerdigen, scheint es nun so, als wäre es bald vorbei mit dem Totenkult. Last Chance also, bevor er hinterm Haus liegt beim anderen Diktator, mit nichts als einer roten Kunstnelke am marmornen Grabdeckel. Damit würde man sich zumindest die 1,5 Millionen US-Dollar sparen, die es kostet, dass Lenin weiterhin aussieht, als wäre er erst gestern gestorben.

Erkenntnis # 6: “Wo nicht Karamell drinnen ist, ist Topfen drinnen und umgekehrt. Alles andere ist Borschtsch.”

Bei unserem ersten Frühstück in Moskau mokierte sich noch eine mitreisende Freundin erbost darüber, dass sie zu ihrem Caramelchino keinen Zucker bekommen hatte. Wie unaufmerksam kann ein Café noch sein?! Da wusste sie noch nicht, dass sie bei ihrer Bestellung – kleinen Sprachbarrieren geschuldet – u.a. auch noch einige mit Karamell übergossene Apfelpalatschinkenröllchen bestellt hatte (anstatt Palatschinken mit Fleischstrudelfüllung, wie laut Foto erwartet), ein stark mit Karamell angereichertes Müsli sowie ein karamellisiertes Cremetörtchen, das sie dann anschließend den ganzen Tag in einer Pappschatulle durch die Stadt tragen sollte, weil ihre Galle nicht mehr in der Lage war, den Zucker angemessen zu verarbeiten, die Café-Bedienung ihr den Kuchen aber bis zur Tür nachgetragen hatte.

Im Laufe unseres kurzen Aufenthalts sollten wir noch viel Karamell bekommen und noch mehr als Hüttenkäse getarnten Topfen. Karamell und Topfen trieben uns innerhalb kurzer Zeit in die Hände von Borschtsch, gemeinsam mit Solyanka das einzige Essen, das völlig unverdächtig war, Topfen und Karamell zu enthalten (dafür Sauerrahm). Kleiner Tipp für alle, die vorhaben, nach Russland zu reisen: Begehe niemals den vorschnellen Fehler, die Füllungen von irgendetwas anhand der Darstellungen auf den Fotos in der Speisekarte zu schätzen, sonst bist du bald die nächste, die mit einer Pappschachtel in der Hand durch die Tretjakow-Gallerie spaziert. Nur du, alte Meister, und ein Batzen Karamell, von dem du dachtest, es wäre Sauerkraut (du kannst den Kuchen in der Tretjakow-Gallerie allerdings kostenlos an der Garderobe abgeben).

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2 thoughts on “Moskau, du machst uns fertig, Teil 3/4

  1. hahaha 😀 jegliche Anflüge der Idee, möglicherweise in 20, 30 Jahren vielleicht ja doch mal Russland zu bereisen, hast du hiermit erfolgreich eliminiert! NIEMALS 😀 nein niemals. Dann doch lieber ins Elbsandsteingebirge oder ähnliche sympathische Tourismusregionen.

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