Moskau, du machst uns fertig, Teil 2/4

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Englisch… Auch wieder so eine Undergroundsprache… Keiner kennt sie, keiner spricht sie, aber immer wieder finden sich ein paar Vollpfosten, die meinen, sie “sprechen” zu müssen, um Avantgarde zu sein. 

Wir kommen zu Erkenntnis # 2 unseres Moskautrips: “Englisch ist in Russland eine Sprache, die nur von überkandidelten, kranken Freaks und Hotelpersonal gesprochen wird.”

Am ersten Abend verlief die Verständigung tadellos. Wir waren in einer Touristenbar nahe dem Roten Platz, trafen die besoffene Österreichische Reisegruppe aus dem Flieger wieder, die uns fröhlich zulallte wie alte Bekannte und wir wurden von besoffenen, russischen Teenieaufreissern dazu befragt, ob wir Moskau eigentlich auch so geil fänden, wie sie.

Doch schon der nächste Abend machte uns bewusst, dass wir uns mit dem Flug nach Moskau in ein sprachliches Vakuum geschossen hatten. Weder verstanden wir auch nur ein Wort Russisch (wenn man von “Matrjoschka” absieht, einem Begriff der dich halt auch nur bedingt weiterbringt, wenn du gerade im Stockdunkeln bei Schneeregen und Sturm ohne zweisprachige Straßenkarte durch die ausschließlich auf kyrillisch angeschriebenen Straßen irrst und Passanten nach dem Weg fragen musst), noch sprach irgendwer ein Wort Englisch. Auf jeden englischen Redeschwall von uns folgten verstörte Blicke und dann ein russischer Redeschwall. Dann verstörte Blicke bei uns. Dann ein verstörtes Nicken und Abgang. Hatten wir irgendwas verstanden? Njet.

Mir wurde bewusst, warum mein Vater angesichts seiner vielen berufsbedingten Russlandreisen irgendwann freiwillig anfing, Russisch zu lernen und uns einmal, als wir seine Vokabeln abfragten, damit verblüffte, dass er das russische Wort für orthopädische Schuheinlage kannte. Hätten wir doch diesen Wifi-Kurs gemacht, jammerten wir voll Reue und Selbstmitleid, als wir auf der Suche nach dem Propaganda Club zwei Mal bei strömenden Regen hilflos ein paar Kilometer ums Karree irrten, weil uns russische Passanten in drei verschiedene Himmelsrichtungen geschickt hatten, wie wir uns zumindest in Fährtenlesermanier einbildeten, aus ihren Gesten und Blicken interpretiert zu haben.

Hebe aber bloß nicht ab und verfalle dem naiven Irrtum, dass, sobald es dir in einem Anfall von Kultururlaub, ein, zwei russische Begriffe rausreißt, du damit auch automatisch verstanden wirst. Große Verstörung löste in diesem Zusammenhang der Name “Tschjornaja Koschka” aus. Tschjornaja Koschka heißt “Schwarze Katze” und ist ein Restaurant in der Nähe des ehemaligen KGB (siehe Foto). Ganze zwei Taxifahrer gaben Vollgas und ließen eine mitreisende Freundin mit quietschenden Reifen einfach in einer semikriminellen Slumgegend stehen, nachdem sie ihnen den Namen des Lokals laut, deutlich und mehrmals durch die heruntergekurbelte Fensterscheibe des Ladas artikuliert hatte. Dabei gibt es bei Tschjornaja Koschka nicht einmal wahnsinnig viel an verbalem Interpretationsspielraum. Um sicherzugehen, wird das nächste Mal wieder Google Translate für uns sprechen.

Ah, ich merke gerade, dass es da durchaus gewisse Differenzen in der russischen und der deutschen Aussprache gibt…

Erkenntnis # 3: “Besoffene Taxifahrer sind billiger als nüchterne.”

Taxifahren in Moskau ist verhältnismäßig billig. Innerhalb des inneren Stadtgebiets zahlt man für jede Strecke 500 Rubel, das sind knapp 10 Euro. Günstiger gehts nur noch, wenn dir dein Leben egal ist und du dich für den schlecht sehenden Alkoholiker-Look-Alike eines gewissen Präsidentens entscheidest, der seinen Taxi-Standplatz direkt vor dem Tschjornaja Koschka hat und der die Stimmung der Mitfahrenden ganz gerne mit ein bisschen schlechtem Techno anheizt, bevor er das undankbare Wiener Fahrgastpack nachts um halb zwölf zum Purga Club fährt, einen Ort, an dem die lustigen Partypeople niemals ankommen sollten. Das lag allerdings mitnichten am Fahrer, der uns für Fun, Action und schlechte Partymucke schlappe 300 Rubel berechnete. Bis heute bereue ich, kein Foto mit ihm gemacht zu haben. Die Ähnlichkeit mit seinem erfolgreichen Pendant ist frappierend. Und doch ist ihr Wesen grundverschieden. Der eine streichelt halbnackt Pferdterln, der andere fährt besoffen Taxi im Patchwork-Strickpulli. So ungleich kann Glück verteilt sein.

Bald gehts weiter mit Erkenntnis # 4 “Der Hotelfön hat mehr Power, als du ihm zutraust”, # 5 “Lenin wechselt seinen Anzug nur alle drei Jahre” und # 6 “Wo nicht Karamell drinnen ist, ist Topfen drinnen und umgekehrt. Alles andere ist Borschtsch.”

Mmh, lecker, Borschtsch.

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