Sorglose neue Welt (du machst mir Angst)

Nachdem ich die letzten vier Monate mit Symptome googeln, Freunde und Bekannte vollsülzen (“Kennt ihr das auch, wenn ihr schräg links über dem Bauchnabel so ein Stechen habt?”), dem Auswendiglernen der Organplatzierungen im Körper und einer panischen Ernährungsumstellung verbracht hatte, trug es sich zu, dass ich doch noch eine Spezialistin aufsuchte. Eine befreundete Krankenschwester hatte angesichts des Gejammers beim Monopolyabend, beim Chinesen und bei ein paar anderen Gelegenheiten die Faxen dicke und ein Treffen mit einer Fachärztin arrangiert. Und welch unglaubliche Überraschung: die Symptome sprachen wohl doch keine so eindeutige Sprache, wie vermutet.

Ich freue mich auf den Tag, an dem mein Körper endlich digital soweit verkabelt ist, dass sämtliche bedenkliche Health-KPIs sofort bei der entsprechenden Facharzt-Korriphäe Alarm schlagen und zwar noch bevor ich überhaupt nur auf die Idee komme, mir Gedanken zu machen, dass es für Früherkennung womöglich schon zu spät sein könnte. Für Hypochonder würden schwarze Tage anbrechen, da sie schon von vornherein wüssten, dass das Stechen nur eine Blähung ist, die dezent an das Chilli con Carne von gestern Abend erinnert. Und die einschlägigen Netz-Communities wären frei vom Traffic panisch Page Impressions erzeugender Visitor, den die Websitebetreiber teuer an die werbetreibende Nasenspray- und Kopfwehtablettenindustrie verkaufen könnten. Menschen, die sich gerne mit unnötigen Sorgen herumschlagen, müssten sich plötzlich völlig neue Betätigungsfelder suchen, weil es einfach diese eine lebensbedrohliche Krankheit nicht mehr gäbe, die nicht zuvor schon bei der einschlägig bekannten und international angesehenen Korriphäe aufgepoppt wäre und automatisch die lebensrettenden Maßnahmen in die Wege geleitet hätte. Man müsste sich wieder den profanen Sorgen zuwenden. Ist das Fenster auf der Toilette zu? Ist der Herd aus? Ist der Herd wirklich aus? Bist du dir sicher, dass kein Windhauch durch das offene Toilettenfenster kam, der das Geschirrtuch in solche Schwingung versetzte, dass es aus Versehen den Drehknopf am Herd einschaltete? Aber gäbe es dann andererseits nicht schon längst einen Sensor am Herd, der mit einer digitalen, hauseigenen Schaltzentrale verbunden wäre, die automatisch die nächstliegende Feuerwehr alarmiert hätte? Schwere Zeiten brechen an für all die neurosenbehafteten Grübler, die sich gerne in den unwahrscheinlichsten aller denkbaren Szenarien suhlen.

Ich erinnere mich daran, als ich vor fünfzehn Jahren während eines Englandurlaubs von einer Telefonzelle eine Freundin angerufen hatte, mit der beiläufigen Bitte, sie solle schnell am Haus vorbeifahren und nachschauen, ob es eventuell brannte. Schöne analoge Welt.

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