Radiogigs

Als Studentin fuhr ich ab und zu mit Mitfahrgelegenheiten von Salzburg nach Wien. Die Beweggründe der Fahrer waren meistens ebenfalls Spargründen geschuldet und so waren selten Rolls Royces, Jaguare und Porsches dabei, sondern meistens Gefährte, denen man eine gewisse Abgefucktheit nicht absprechen konnte. Den Fahrerinnen und Fahrern und mir damals übrigens auch nicht. Manchmal hasste ich die Autofahrt von der ersten Minute an und schmiedete Pläne, wie ich mich spätestens auf Höhe der Raststätte Mondsee aus der offenen Beifahrertür rollen würde, nur um das Gespräch beenden zu können. Meistens aber waren die Gespräche nett bis durchaus unterhaltsam. Einer meiner Lieblingsmitfahrgelegenheitsfahrer holte mich in Wien in einem durchgerosteten und zugemüllten Wagen der Marke “Schrotto” an der U-Bahn-Station Pilgramgasse ab und ich hoffte inständig, dass wir es zumindest schafften, mit der Karre noch auf Höhe Längenfeldgasse zu kommen, damit ich von dort im Notfall die U6 zum Westbahnhof nehmen konnte. Ich saß inmitten von leeren Colaflaschen, Tetrapacks, CDs, Kabeln, Verstärkern, Gitarren und anderen einschlägigen Gerätschaften. “Ich bin Musiker”, sagte mir der etwas zauselig aussehende Fahrer entschuldigend, als würde er mir von einer sehr dunklen Vergangenheit berichten. Ich war sofort voller Mitleid. Mitte zwanzig und schon so perspektivlos. Wie konnte sich irgendjemand sein Leben derart verbauen und Musiker sein? Mich tröstete lediglich, dass er es offenbar gern machte und nicht von irgendjemanden dazu gezwungen wurde. Er erzählte begeistert von seinen Gigs, von neuen Songs, von Gigs, von seinem Umzug nach Wien und dann wieder von Gigs. Der Gedanke, dass er es als Gig bezeichnete, alleine in einer nach Schimmel müffelnden Kellerspelunke vor drei Leuten zu spielen, deprimierte und rührte mich zugleich. In mochte ihn. Er war nett. Als er mich in Salzburg am Park & Ride aus der Müllkarre aussteigen ließ, sagte er mir, ich solle zu seinem nächsten Gig kommen, falls ich am soundsovielten wieder im Wien sein sollte. Er gab mir seine Visitenkarte. Wow. Er trat offenbar nicht als Band sondern als Einzelmusiker unter seinem richtigen Namen auf. Ein österreichischer Wald-und-Wiesen-Name, wie er unglamouröser nicht hätte sein können. Ich tippte auf Singer-Songwriter und schon tat er mir noch ein bisschen mehr leid. Ich war nicht beim Gig. Im Laufe der Jahre dachte ich aber immer wieder einmal an ihn, wenn ich irgendwo das Wort “Gig” hörte und fragte mich, was wohl aus ihm geworden war.

Jahre später saß ich in einem Hotel am Semmering und bewunderte fasziniert die altertümlichen Einbauradios an den Seventies-Nachttischchen, auf denen man witzigerweise ausschließlich einen österreichischen “Jugendkulturradiosender” empfangen konnte. Ich hörte mir einen Track an und dachte mir, dass FM4 manchmal doch ganz gute Musik brachte, als plötzlich der Name meiner Mitfahrgelegenheit fiel. Name-der-Mitfahrgelegenheit hatte wohl mit diesem Track erst unlängst sein furioses Comeback eingeläutet. Fassungslos vor Überraschung und gleichzeitigem Entzücken, dass das tatsächlich mein Fahrer von damals sein sollte erzählte ich A. von meiner Entdeckung. A. meinte zwar, auf FM4 zu laufen, sei keine großartige Kunst. Aber ich bin immer noch tief beeindruckt von meiner Entdeckung. Das war also aus ihm geworden und ich erfuhr es aus einem 70er-Jahre Nachttischradio in einem Fin de Siecle-Grand Hotel am Semmering, dessen einziger funktionierender Sender ausgerechnet FM4 war.

Es gibt keine unbeantworteten Fragen, dachte ich mir. Die Antwort steht immer schon im Raum. Oder hängt zumindest irgendwo im Äther. Du musst nur im richtigen Moment das Knöpfchen drehen. Übrigens: Es war nicht diese typische Singer-Songwriter-Mucke. Aber artverwandt.

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