Tourist in Vienna forever

Ich hoffe inständig, dass ich nicht in echt so aussehe wie auf den biometrischen Passbildern, die gerade in den Passfotoschacht gefallen sind. Ich habe mir im Bemühen, ein sympathisches Lachen zu unterdrücken (verboten) einen netten, psychotischen Gesichtsausdruck aufgesetzt und jeder drittklassige Maskenbildner würde bei den roten Gesichtsschattierungen und den abstehenden Haarfransen einen Anfall kriegen. Mal sehen, ob sie mir das Touristenvisum trotzdem geben.

Ausreisen darf ich mit diesem Foto auf jeden Fall wieder, das ist zumindest gewiss. Was “Touristin sein” betrifft, kenne ich mich aus. In Wien fühle ich mich manchmal wie eine Dauertouristin, die gerne Dinge tut, die Touristinnen eben so tun. Ich frühstücke gerne in Lokalen, die Einheimische tunlichst meiden, ich poste auf Facebook Bilder von mir und der Gloriette, ich gehe einkaufen in der Kärntner Straße, meine Lieblingsmotiv ist das Rathaus bei Nacht, von dem ich gefühlt eine Million Fotos habe und manchmal will ich einfach nur Land und Leute kennenlernen, nehme einen Beruf an und tu so, als wäre ich eine von ihnen. Wieso also ausreisen in andere Städte, wenn man die Lieblingsdestination direkt vor der Haustür hat und jeden Tag neue Dinge entdecken kann?

Aus der Rubrik “Tourist im Vienna forever” gibt es heute: das erste Mal im Hard Rock Café Vienna. Ich mag normalerweise keine Ketten, aber nachdem ich schon einige Hard Rock Cafés von innen gesehen und sogar Weihnachten 2013 in einem verbracht habe, bilden die wohl eine Ausnahme. Neben dem Rockstardevotionalienkitsch in den Glasvitrinen an den Wänden, liebe ich vor allem, dass die wieselflinken Bedienungen überall auf der Welt nach dem offenbar gleichen Menschentypus gecastet werden. Sehr sympathisch, denke ich mir, als ich neben mir am Tisch auch schon wieder diese schnoddrige Schnauze höre – Typus “Creative Assistant in kreativer Kreativitätsklitsche” nur ohne dabei tatsächlich creative zu sein, sondern eher ein bisschen Stange. “Häh? Kennen wir die nicht aus dem HRC in Hamburg?”, höre ich A. sagen, die sich gerade im vollen Ernst den Erdbeer Daiquiri im Touristenglas hat andrehen lassen. Genausogut könnten wir die Gute aber auch aus allen anderen HRCs kennen, in denen wir waren. Eigentlich habe ich immer ein bisschen Angst vor den HRC-Bedienungen. Sie sind mir ein bisschen zu cool und überfordern mich mit ihrer Hippheit und Schnelligkeit. Ständig wollen sie wissen, wie irgendetwas schmeckt und sind dann ehrlich berührt, wenn du auch nur eine Sekunde zu lange zögerst. Und machen dann diesen einen Mund, den ich dann immer nicht so gerne sehen will, weil ich mir vorkomme, als hätte ich gerade vor ihren Augen einen kleinen Welpen getreten. Den gleichen Mund, den auch die HRC-Bedienung in Berlin immer gemacht hat, wenn ich ihr nicht binnen drei Sekunden spontan einen Wunschsong nannte, den sie dann souverän in ihr Headset sprechen konnte, um ihn für uns auflegen zu lassen.

Noch bevor wir dazu gekommen sind, in aller Feierabendgemütlichkeit die Cocktails abzufotografieren und auf einschlägigen Social Networks zu posten, flitzt auch schon die Bedienung an unseren Tisch, um sich so nonchallant wie nur irgendwie möglich nach dem Geschmack der Cocktails zu erkundigen. Damit nicht sofort der bestürzte “Oh-mein-Gott-es-schmeckt-ihnen-nicht”-Schmollmund erscheint, zählen wir blitzschnell zehn glaubwürdige, positive Adjektive auf, die unser Wohlwollen ausdrücken. Wir wissen mittlerweile was zu tun ist.

Unsere parasoziale Beziehung zischt glücklich ab. Ach wie schön einfach diese Welt doch sein kann, wenn wir uns auch als Touristinnen in einer fremden Stadt einfach nur an ein paar simple Spielregeln halten. Ups, wir wohnen ja hier. Naja trotzdem. Ist doch wahr.

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