Und plötzlich scheint Apnoetaucher eine durchaus erstrebenswerte Berufswahl zu sein

Die Fahrt von der Salzburger Busstation “Josefiau” zur Station “Theatergasse” dauert nur läppische zehn Minuten, die sich normalerweise nicht mal dafür lohnen, eine Zeitung aufzuschlagen oder das Handy rauszuholen. Aber sie dauert zehn Minuten der Hölle, wenn im Sitz vor einem der stinkendste Gipsarm der Welt Platz genommen hat. Bestialische Fäulnis breitet sich aus. Es ist Sommer, es ist unerträglich heiß, es stinkt auch ohne Gips, ich trage keinen Rollkragenpullover und ich bin bedauerlicherweise kein Apnoetaucher, der bis zur Theatergasse ohne Sauerstoff überleben kann. Ich schaffe gerade mal bis “Akademiestraße”, als ich merke, dass mein Körper ums Überlegen ringt. Ich hole Luft, indem ich mich so unaufällig wie möglich umdrehe und vom Platz hinter mir geräuschvoll wie nach nach einem längeren Tauchgang Sauerstoff absauge, natürlich nicht, ohne mir dabei theatralisch Luft zuzuwedeln. Bis zur Station “Äußerer Stein” atme ich in mein T-Shirt, das ich mir über die Nase gezogen habe. Bis “Mozartsteg” atme ich wie ein toter Fisch mit offenem Mund nach oben, den Kopf bis zum Anschlag in den Nacken gelegt. Bis “Theatergasse” atme ich unauffällig in meine Handtasche. Ich fantasiere von einer frischen Meeresbrise an der Nordsee an einem milden Apriltag.

Nachdem ich ausgestiegen bin, mache ich erstmal einen ausgedehnten Spaziergang an der Salzach. Ich komme langsam wieder zu Kräften. Ich trinke Kaffee mit einer Bekannten. Um fünf fahre ich zurück. Der Bus ist leer und ich suche mir einen Platz. Busstation “Theatergasse”: ein beißender Gestank nach Körperfäulnis schnürt mir plötzlich die Luftzufuhr ab. Direkt vor mir im leeren Bus lehnt lässig ein Gipsarm an der Scheibe. Nicht nur an den dreckigen Unterschriften erkenne ich, dass es derselbe ist. Man trifft sich immer zweimal, heißt es so schön. Eine Busfahrt von “Theatergasse” bis “Josefiau” dauert nur läppische zehn Minuten…

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