Gut, dann werd ich eben ohnmächtig. Hauptsache die Beach Boys singen im Hintergrund

Zweiter Rang in einem Filmtheater zu sitzen auf gleicher Höhe mit den Lampenschirmen ist für mich so toll wie 120 Minuten am höchsten Punkt eines Riesenrads aus der Gondel nach unten zu schauen. Ich sterbe einen langsamen Tod. Während die Leute um mich aufgeregt dem letzten Film der Berlinale entgegenfieberten, überlegte ich mir bereits ausgeklügelte Strategien und strategische Schrittfolgen, um den Rang zu verlassen ohne Aufsehen zu erregen. Und ohne davor in Ohnmacht zu fallen. Beim kleinsten Anzeichen von Schwindel würde ich mich souverän an den Vordersitzen entlang tasten, dabei natürlich lächeln, atmen und dabei stets ein fröhliches Liedchen auf den Lippen haben. Gut, letzteres ist vielleicht too much, zumal während einer Filmvorführung, aber ich möchte keinesfalls, dass die Leute um mich herum Verdacht schöpfen oder im schlimmsten Falle von meiner Höhenangst belästigt werden, indem sie mich beispielsweise beatmen oder im Haus nach einem Defibrilator suchen müssen.

Und selbst wenn ich in Ohnmacht fallen sollte, sollte das bitte stilvoll und diskret vonstatten gehen, um niemanden peinlich zu berühren. Eine gewisse Grazie sollte immer gewahrt werden, egal wie ungünstig die Situation ist, pflegte schon meine Urgroßmutter zu sagen. (Und was sie auch noch sagte: Für den unwahrscheinlichen Fall einer aufziehenden Ohnmacht, spritz dir davor noch einen ordentlichen Schöpfer Kölnisch Wasser ins Gesicht.)

Ich würde mich dezent auf die Seite fallen lassen und schon während des Falls ansatzweise die stabile Seitenlage einnehmen, damit zufällig im Raum befindliche, potenzielle Ersthelfer nicht in die peinliche Lage gebracht werden, ihre dreißig Jahre zurück liegenden Erste-Hilfe-Kurse aus dem Langzeitgedächtnis abrufen zu müssen, um meine Gliedmaßen adäquat in die lebensrettende Form zu bringen. Wenn man auf die Seite fällt besteht zudem die Hoffnung, dass die Gesichtszüge in einer weniger kompromittierenden Form entgleisen, als würdest du einfach wie ein Sack nach hinten fallen und dann mit offenem Mund dümmlich herumliegen. Oder nach vorne fallen und anschließend unappetitlich zu sabbern, nachdem man sich beim Sturz auf das Gesicht die Nase gebrochen hat.

Der Film war toll: “Love and mercy” – ich war früher mal großer Beach Boys Fan. Nächstes Mal sitzen wir wieder Parkett.

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3 thoughts on “Gut, dann werd ich eben ohnmächtig. Hauptsache die Beach Boys singen im Hintergrund

    1. Schau dir den Film an bei Gelegenheit, der war tatsächlich sehr gut. 🙂 Und was mich betrifft: letztlich bleibe ich immer verzweifelter Optimist und halte auch eine Seiltanzkarriere für nicht unmöglich.

  1. Das beruhigt mich ungemein, offenbar verfügst du über genügend Optimismus, dass es für mich auch noch reicht…
    Und ich merk es auch schon – zum Bespiel bin ich jeden Tag aufs Neue guter Dinge, dass ich’s spätestens um elf ins Bett schaffe 😀

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