Ein Tag unter Römern – eine rezeptionsästhetische Annäherung

Als wir 16 waren und deppert haben wir uns in einem Anfall vermeintlich ironisch gemeinter Aneignung von Baby-Spielzeugen manchmal zu viert in einen für ein Kleinkind konstruierten Kinder-Hubschrauber gepresst, der sich hektisch bewegte, wenn man eine D-Mark einwarf und der kurz vor der “Landung” ein metallisches “Roma Airport” von sich gab. Gestern – achtzehn Jahre später – sollte ich das erste Mal wirklich am römischen Flughafen sein. Ein gewisser Hang zu Dekadenz ermöglichte es uns, einen Tagesausflug nach Rom zu unternehmen und die mehr als zweitausendjährige Geschichte dieser Stadt in einem 12-Stunden-Spaziergang Revue passieren zu lassen. Es gibt Selfies von A. und mir vor dem Petersdom, vor der Sixtinischen Kapelle, vor dem Kollosseum, vor dem Forum Romanum, vor der Engelsburg, vor der Engelsbrücke, im Pantheon, vor dem Pantheon, Selfies mit Pizzaschnitte, Selfies beim Flughafen-McDonalds und Selfies am Gate, die uns und unseren Nachfahren für immer beweisen werden, dass wir tatsächlich dort waren.

Und wir wurden von Wachpersonal angeschrien, weil wir in der Sixtinischen Kapelle ein Selfie von uns und einem gewissen Fresko machen wollten. Wir waren aber auch nicht enttäuscht, es nicht fotografiert zu haben, da es – das Fresko – unsere feingeistigen Erwartungen bei weitem untertraf. Irgendwie verließ mich das Gefühl nicht, dass sich der Künstler bei der Arbeit nicht so wahnsinnig viel Mühe gemacht hatte, sonst wäre das Ganze wohl etwas beeindruckender und auch größer ausgefallen. “Was hat da Vinci sich denn dabei gedacht?”, hörte ich A. und mich sagen, nachdem man uns in zehn verschiedenen Sprachen zugebrüllt hatte, das Fotografieren gefälligst zu unterlassen.
“A., du weißt, ich steh auf Fresken, habe in meinem Leben hunderte Fresken gesehen und kann mich in aller Bescheidenheit eine Freskenkennerin nennen, aber was Leonardo da hingezaubert hat, ist eine Frechheit.”
“Exakt. Auch ich liebe Fresken und würde diese künstlerische Ausdrucksweise jederzeit allen anderen vorziehen, aber das hier geht gar nicht. Irgendwie schafft es dieses Fresko einfach nicht, mich emotional abzuholen. Und es ist so klein, dass ich es vorhin mit der höchsten Zoomstufe heranzoomen musste. Wenn ich da an die Bilder von Jackson Pollock denke…”
“Ganz ehrlich, A., all die No-Name-Fresken hier drinnen ergreifen mich mehr, als das hier. Wenn ich das Museum wäre, würde ich eher versuchen, es zu vertuschen, als so ein  großes Tam-Tam zu veranstalten.”
“Naja, irgendein Motiv müssen sie ja auf die ganzen Lesezeichen und Notizbuchcover drucken, die sie draußen beim Souvenierstand verkaufen.”
“Aber: wir können immerhin sagen, es gesehen zu haben. Viele Menschen sehen es ja gar nicht, weil es so klein ist.”

Wenig ergriffen zogen wir davon.

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