Allerheiligen

Der 1. November – Allerheiligen – fällt dieses Jahr auf einen Samstag. Nicht fies genug also, dass wir damit einen freien Tag weniger haben, ruiniert er uns gleich noch das Wochenende dazu. Eigentlich wollte ich Samstags zu IKEA. Danke, Gott. Na gut, fahr ich stattdessen eben nach Salzburg und gehe sozialer Kontaktpflege nach. Salzburg hat immer etwas morbides an sich, nicht nur an Allerheiligen, das hatte schon Trakl erkannt, dessen Gedichte hier allerorten wie pseudointellektuelle PR-Claims an den Häuserfronten hängen. Ich besuche eine Freundin, die zufällig in der Nähe des Friedhofs wohnt. Auf dem Weg dorthin muss ich unweigerlich über die Friedhofsmeile fahren, einer faszinierenden Aneinanderreihung von Steinmetzen, Steinmetz-Discountern, Gärtnereien, Konditoreien und dem Gasthof “Zur Hölle”, in der der gemeine Salzburger gerne seinen Leichenschmaus abhält. “NEIN, komm nicht hierhin”,  brüllt mir meine Salzburger Bekannte durchs Telefon entgegen. “Hier ist die Hölle los. Vom Kommunalfriedhof staut sich’s zurück bis in die Stadt! Es ist alles unterwegs, was einen Rollator hat!”

Wir treffen uns also in der Stadt, weit abseits vom Friedhofsrummel. “Wenn Du schnell Kohle machen willst, dann stell heute vorm Friedhof ein Fressbüdchen auf”, schnarrt meine Bekannte in breitestem westfälisch, “das ist ist ne Goldgrube”. Ich stelle mir vor, wie ich in einem Fressbüdchen vor dem Kommunalfriedhof  Schaumrollen verkaufe. Im Set zusammen mit einem Grablicht.
Ach, Allerheiligen, du warst schon immer das Emo-Celebrity unter den Kirchenfeiertagen. Aber deine polierten Schuhe, deine ordentlich frisierten Koniferen, deine aufgesetzte Traurigkeit nehmen wir dir nicht ab. In Mexiko wird an Allerheiligen auf den Gräbern mit den Verstorbenen gepicknickt und manche übernachten sogar darauf. Man glaubt, dass die Verstorbenen an diesem Tag zurück auf die Erde kehren. Das ist speziell, hat aber wesentlich mehr Charme. Ich stelle mir vor, wie wir auf den Bodendeckern ein paar Schlafsäcke ausrollen und Schnittchen herumreichen. Aber bis es soweit ist: “Nein, Oma, brauchst nicht extra runterkommen, wir sind noch nicht soweit. Ja, die Koniferen sind beschnitten. Ich meld mich wieder.”
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