Die Frage ist: hätte eine windige Versuchsratte tatsächlich anders gehandelt?

Aus Fehlern lernen? Nicht mit mir! So fand ich mich innerhalb eines Jahres gleich dreimal in einem Riesenrad wieder und das obwohl Riesenräder in mir einen panischen Fluchtinstinkt auslösen, dem ich situationsbedingt nur selten nachkommen kann. Zum Glück fahre ich prinzipiell ausschließlich mit Menschen, die selber schon vor der ersten Umrundung einen knallgrünen Schädel haben. Das schafft eine völlig neue Qualität freundschaftlicher und familiärer Bindung.
“Oh seht, da hinten seh ich die UNO-City, ist das nicht toll? Von hier oben hat man wirklich den allerbesten Ausblick auf die ganze Stadt! Alles sieht man von hier oben, einfach alles!” Eifrig nickende grüne Schädel bestätigen begeistert das Gesagte und schenken mir ihr psychedelischstes Strahlen. “Ja, total interessant, und selbst den Stephansdom sieht man von hier super, super gut!” “Tatsächlich! Wer hätte das für möglich gehalten? Oh, wow, die Menschen sehen total klein aus von hier – würg – oben, seht nur!” “Man redet auch so unglaublich viel Müll in so einer Situation. “Wollen wir nicht ein Foto von uns machen mit dem Riesenradgestänge im Hintergrund?” Die grünen Schädel sind aus dem Häuschen vor Aufregung und Freude, stylen sich mit schwitzigen Händchen die Haare zurecht und werfen sich sogleich vor dem Fenster in Position, wohlwissend, dass es das letzte Foto auf dieser schönen Welt sein könnte. “Oh wow, jetzt sind wir wirklich gleich ganz oben”, höre ich mich hysterisch brüllen, während mein Leben bereits Revue passiert.
Schwankend torkle ich mit der Kamera zurück zur Sitzbank. Warum um alles in der Welt fahre ich SCHON WIEDER Riesenrad? Hat es nicht gereicht, dass ich letztens im Kinder-Riesenrad fast einen Herzinfarkt bekommen hätte? Gleich werde ich ohnmächtig, ich fühle es. Holt den Defibrilator, ich leg mich schon mal auf den Boden. Gibt es hier drinnen einen Defibrilator?
Die Gondel knarrt bei jeden Schritt, als würde gleich der Boden durchbrechen. Nie wieder Riesenrad, schwöre ich mir. Aber ist nicht genau das der falsche Weg? Vielleicht sollte ich nicht nur dreimal im Jahr damit fahren, sondern täglich, solange, bis ich… ach, scheiß drauf. Die grünen Schädeln haben jetzt schon seit mindestens zehn Minuten ein und denselben frenetischen Gesichtsausdruck, als hätten sie sich die Gesichter während eines manischen Lachflashs mit einem Gummiband nach hinten gespannt. “Diese Aussicht ist einfach…unglaublich. Total gute Idee von dir, danke!” Nicht dafür, Leute. Sollten wir das je überleben, könnt ihr mich gerne unten auf einen Backhendlsalat einladen. Ich mag keine Backhendl. Aber ich mag ja auch keine Riesenräder, Tequila, Diskussionen übers Wetter, Shoppingmalls, U-Bahnhaltegriffe, Autowaschanlagen und Geburtstagskuchen mit Kerzen, die von jemand anderem als mir mit dessen Mund ausgeblasen wurden. Und esse ich den Kuchen trotzdem jedes Mal? Na dreimal dürft ihr raten.
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