Besondere Augenblicke, an die man sich (lange) erinnert

Ich kann mich noch gut an den einzigen Tag erinnern, an dem ich nicht sauer auf das Navi war. Ja schon gut, ich weiß, anstatt zuzulassen, dass ein zehn Jahre altes Navi mich immer wieder an die Grenzen meiner Belastbarkeit trieb, hätte ich es schon längst in die Tonne kloppen und ein neues kaufen müssen, aber was macht man nicht alles nicht aus purer Bequemlichkeit. Lieber das als gar kein GPS, sagte ich mir oft.

Ich hatte nicht daran gedacht, dass es einmal den Moment geben könnte, an dem ich so etwas wie stolz auf dieses Gerät empfinden könnte. Es einen Tag lang nicht zu verabscheuen, ok. Aber stolz?

Es ergab sich unverhofft, dass uns das Navi auf einen Sardinienurlaub begleiten musste, da sich völlig unerwartet herausgestellt hatte, dass das Gerät über sardisches Kartenmaterial verfügte. “Na gut, dieses eine Mal nehmen wir es noch mit, aber dann ab damit in die Tonne,” hörte ich uns sagen.

Was dann jedoch geschah, überstieg die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Das Navi schien aufzublühen, ging völlig aus sich heraus, zeigte uns Routen an (!) und machte plötzlich sogar auf Blitzer und gefährliche Streckenabschnitte aufmerksam! Auch ein Parkplatz vor einem Dorfsupermarkt in der gottverlassensten Wallachei hat seine Tücken, glaubt man zumindest den Warnungen unseres Navis, das sich gebärdete, als wäre es auf einem bizarren Selbstverwirklichungstrip. Wir waren entzückt darüber, wie stark das Gerät urplötzlich an unserem Wohlergehen interessiert war, wo es uns unzählige Male zuvor schon ins sichere Verderben hatte schicken wollen und auch geschickt hatte. Doch nicht nur die hektische Betriebsamkeit in Sachen Frühwarnsystem war auffällig. So sagte es uns mit fast 80%iger Präzision die richtige Route zum Hotel voraus und wir mussten nur einmal Einheimische in Zeichensprache nach dem Weg fragen.

Sicher ist es ein italienisches Fabrikat und fühlt sich zum ersten Mal wirklich Zuhause, mutmaßten wir mit Tränen der Rührung. Doch schon am nächsten Tag wünschten wir, jemand – ein Dieb – hätte über Nacht die herunter gekurbelte Fenstescheibe bemerkt und das das Ding mit einem beherzten Griff aus der Verankerung gerissen und mitgenommen.

Zwar sprudelte es auf der Autobahn Richtung Alghero nach wie vor in ADHS-Manier vor sich hin, aber ansonsten gab es sich alle Mühe schon nach kurzer Zeit unseren geballten Hass auf sich zu ziehen. Vergessen der gestrige Tag.

Nach hilfreichen Tipps a la “scharf rechts abbiegen” auf der Autobahn schickte uns das Gerät nach einer – auf seinen Rat hin – falsch genommenen Ausfahrt von der Stadtautobahn auf einen halbstündigen Trip über die gottverlassensten Feldwege, die wir je gesehen hatten und die sicher kein noch so am Landesinneren interessierter Tourist jemals zu Gesicht bekommen hatte. Gerade als wir dachten, wir würden nie wieder zum Hotel zurück finden und verzweifelt nach zum Verkauf stehenden Fincas Ausschau hielten, schrillte uns nach langer Stille ein befreiter Aufschrei entgegen: “Rechts abbiegen auf Buddi Buddi.”

Bis heute wissen wir nicht, was Buddi Buddi ist. Es könnte ein Acker, Babygebrabbel oder der Name einer Straße sein. Aber was immer es ist, es ist das mit Abstand putzigste Wort, das unser Navi jemals gesagt hatte. Schon gut, wir werfen dich nicht in die Tonne. Aber schon morgen wieder könnte “Tonne” der beste Ort der Welt für dich sein.

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