Nur ein weiterer Yoga-Baum

Zilli war, was Musik betraf, mehr als einfach gestrickt. Ihr gefielen nie mehrere Lieder gleichzeitig. Vielmehr hatte sie über einen längeren Zeitraum ein einziges Lied, das sie tagein, tagaus hörte, bis sie irgendwann so übersättigt davon war, dass allein das Intro einen Brechreiz in ihr auslöste. Zilli war an ihre Situation gewöhnt und wäre nie in Versuchung gekommen, sich auf Youtube oder gar im Radio anderweitig zu orientieren, ohne ihr derzeitiges Lieblingslied noch nicht vollkommen satt zu haben, doch etwas war diesmal anders als sonst. Zilli ging mit „Lemon Tree“ bereits ins fünfzehnte Jahr und bekam mittlerweile Drohanrufe von ihren Nachbarn, ihres Zeichens mehr als tolerante Mitmenschen: eine Yoga-Sekte, wie Zilli vermutete.„Ich finde es auch nicht toll, wenn ich im Sommer im Garten auf zwanzig Yoga-Bäume schauen muss”, versuchte Zilli den Nachbarn eins reinzuwürgen, nachdem die bewegungsfreudige Sekte wieder einmal nachts die Polizei gerufen hatten, „aber meine Toleranz, meine Menschenfreundlichkeit und meine katholische Nächstenliebe verbieten mir, polizeiliche Schritte gegen sie einzuleiten“. Die Polizisten versuchten beruhigend auf Zilli einzureden: „Frau Zilli, es ist auch für uns nicht einfach, ständig hierher zu kommen, aber sie müssen etwas ändern! Einer aus der Sekte hat sich jetzt „H-A-T-E“ auf die Fingerknöchel tätowieren lassen und wir verfügen über eindeutige Hinweise, dass dieser Akt ihnen galt!“ Zilli war verstört. Sollte ihr die Yoga-Sekte tatsächlich nach dem Leben trachten. Wegen „Lemon Tree“, einem absoluten Klassiker und unumstrittenen Welthit, der immer wieder zum ausgelassenen Mitschwofen einlud? ​

​Nachdem die Nachbarn ihr in einem Anfall von Gehässigkeit mit Huba-Buba die Autotür verklebt hatten, musste Zilli jedoch schließlich einsehen, dass es keinen Zweck hatte die Augen weiter vor der Realität zu verschließen. Zillis Toleranz, Menschenfreundlichkeit und katholische Nächstenliebe ermöglichten es ihr, sich bereits nach drei Monaten zu entwöhnen. Seitdem hörte sie ein sitarlastiges indisches Volkslied in der funkigen Coverversion einer Schwabinger Discokombo. Des lieben Friedens willen, hatte sich Zilli gedacht. Gegen Sitar kann sich eine Yoga-Sekte schließlich schlecht aufregen. ​

Die Yoga-Sekte hat mittlerweile ihre Profession gewechselt und betreibt jetzt ein halb-legales Garagen-Tatoo-Studio, in dem man sich zu einem fairen Preis kleine Signale nachbarschaftlichen Hasses auftätowieren lassen kann. Ein Rückentatoo mit dem Schriftzug „Lass den Baum nicht auf mein Grundstück wachsen, du blöder Penner“ gibt’s dort schon für 200 Euro und ist damit günstiges als mancher Rechtsstreit. ​

​Obgleich Zilli nicht verstand, warum man ihre gutgemeinten Einladungen zum gemeinsamen Meditieren bislang ausgeschlagen hatte, war sie dennoch froh, dass alles noch einmal glimpflich verlaufen war. Eine gute Nachbarschaft ist einfach viel zu wichtig, als dass man es sich leisten könnte, auf einem bestimmten Musikgeschmack zu beharren, sagte sich Zilli oft. Man muss bereits sein, auch einmal Kompromisse einzugehen. So ein Sitar hat durchaus einen gewissen Groove!

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