Endstation Hütteldorf

Einmal fuhr ich mit meinem Vater und meinem Bruder von Wels nach Hütteldorf, ohne dass wir auf der etwa eineinhalbstündigen Zugfahrt auch nur ein einziges Wort miteinander wechselten. Nicht unbedingt der Tatsache geschuldet, dass wir alle extrem mundfaul wären oder etwa gestritten hätten, sondern weil neben uns im Großraumabteil eine junge Amerikanerin ihre Familientragödie in allen Einzelheiten breittrat. Zwar am Telefon und auf englisch, aber das schmälerte die Spannung keine Sekunde. Am anderen Ende der Leitung: her Grandma. Wie die Amerikanerin hieß, werden wir leider nie erfahren, nennen wir sie einfach Jenny.Jenny, diese extremst sympathische junge Frau Ende zwanzig hätte eigentlich allen Grund zur Freude gehabt, schließlich sollte die offenbar in Österreich lebende Frau schon bald ihre Familie in Connecticut wieder sehen, weil Dad runden Geburtstag feierte. Wäre, ja wäre da nicht diese fiese Schlange Diane, die Dad nach Mums viel zu frühen Tod sinnloserweise unbedingt hatte heiraten müssen. Diane – das merkten wir schon sehr bald – war eine Ausgeburt an Hinterhältigkeit und Gehässigkeit und intregierte gegen Jenny, wann immer sie konnte. Zudem versuchte sie seit nunmehr Jahren einen Keil zwischen Jenny und ihren Dad zu treiben, was Jenny verständlicherweise nicht akzeptieren konnte. Jenny war ein herzensguter Mensch und bestimmt nicht schnell aus der Fassung zu bringen. Wie oft hatte sie nicht versucht, sich mit Diane zu verstehen, um das Verhältnis zwischen sich und Dad nicht zu belasten, aber irgendwann trieb Diane ihr intrigantes Spiel einfach eine Spur zu weit. ​

​Es begab sich auf der Bar-Mizwa-Feier von Jennys jüngeren Cousin, als sich Diane beim Buffet in der für sie typischen Brüllton bei Jenny erkundigte, wann sie denn nun endlich gedenke, sich einen ordentlichen Job zu suchen und ein geregeltes Leben zu führen. Dabei war Diane nicht nur zwei Jahre jünger, sondern dazu auch noch tausendmal dümmer als die mit Intelligenz großzügig beschenkte Jenny. Verständlicherweise ließ Jenny das nicht auf sich sitzen und vergaß für einen kurzen Moment ihre ausgezeichnete Kinderstube, indem sie Diane wissen ließ, dass sie eine widerwärtige kleine Dorfmatzratze sei, ja, sie verwendete tatsächlich diesen Begriff. Daraufhin hatte Diane Jenny kindischerweise vorgeworfen, bewusstseinserweiternde Substanzen zu konsumieren. Dabei wusste jeder, dass Jenny sich nur zu besonderen Anlässen eine gepflegte Linie Kokain vom Toilettenrand gönnte. Und die Kreditkarte, die sie dafür verwendete, war wenigstens gedeckt, im Vergleich zu Dianes’s, die sich seit Jahren jede Kleinstanschaffung von Dad finanzieren lassen musste. Astreiner Rufmord war das, fand Jenny. ​

​Wohl hatte sie Diane bei Dad verpetzt und die Bar-Mizwa anschließend unter hysterischen Heulattacken verlassen, aber Dad fand es dennoch nicht der Rede wert, sich auf die Seite seiner einzigen Tochter zu stellen. Wie gut, dass es immer noch Grandma gab, die Jenny in ihrer unendlichen Güte in jeder Lebenssituation beistand. Gemeinsam mit Grandma arbeitete Jenny in knapp zwei Stunden detailverliebt alles auf, was Diane ihr jemals angetan hatte und in Zukunft noch antun würde. Glaubt mir, diese Diane hat man besser nicht zum Feind! Gerade als Jenny erzählen wollte, wie Diane versucht hatte, ihr statt normaler Milch regelmäßig heimlich Kondensmilch in den Kaffee zu kippen, fuhr der Zug in Hütteldorf ein. Wir sahen ihr nach, bis der Zug am Horizont verschwand.​ Jenny, wir hoffen, es geht Dir gut.

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