Elviras Rückkehr

Was Elvira von herkömmlichen Hypochondern fundamental unterschied, war ihre durchaus selbstreflexive Wesensart. Nicht nur reflektierte sie jedes Drücken, Stechen, Zwicken, sondern auch jeden damit einhergehenden Gedanken, was das wohl zu bedeuten hatte. Vielleicht, eventuell, möglicherweise könnten die Leute ja doch Recht haben, die immer behaupteten, dass Simulanten in Wirklichkeit die gesündesten Menschen überhaupt waren. Von diesem Standpunkt aus betrachtet war es geradezu fahrlässig, sich nicht alle Krankheiten der ganzen Welt einzubilden. ​

​Dennoch ging sich Elvira durchaus selbst damit auf die Nerven, bei jeder unüblichen Körperregung Google zu konsultieren. Zwar war das ganze schon merklich besser geworden – Elvira tastete neuerdings nur noch jeden zweiten Tag alle inneren Organe, Drüsen und Schlagadern ab – aber allein die Nächte, die sie mit dem Auswendiglernen des Pschyrembel verbracht hatte, hätte sie durchaus auch schlafen können, wie alle anderen Menschen angeblich auch. ​

​Kurz nachdem sie bei Ebay das große Glück hatte, für fünf Euro ein nagelneues Do-it-yourself-Zahnarzt-Kit zu ersteigern, um kleinere Zahnkorrekturen bequem vorm Fernseher erledigen zu können, beschloss Elvira ihr Leben endlich in geordnete Bahnen zu überführen. Er wird mir fehlen, dachte sich Elvira, ein letztes Mal im Wartezimmer ihres lieb gewonnenen Hausarztes sitzend. Von den vielen Arzt-, Apotheken- und Königszeitschriften ganz zu schweigen. Elvira nahm all ihren Mut zusammen: „Es wird sie jetzt vermutlich überraschen, aber ich habe erkannt, dass ich Jahre meines Lebens damit verbracht habe, mir alle Krankheiten einzubilden, von denen ich jemals etwas gehört habe, und ich habe von vielen Krankheiten gehört.“ ​

​In diesem Moment bereute Elviras Hausarzt zum ersten Mal seit 50 Jahren, nicht doch Schiffschaukelbremser geworden zu sein, wie er es als junger Mann eigentlich vorhatte. Sollte er Elvira sagen, dass sie sich lediglich einbildete, Hypochonder zu sein? Aber würde sie dann nicht denken, er lüge sie an, um ihr das Gefühl zu geben, er nähme sie ernst? Er wusste seit langem, dass Elvira in Wirklichkeit überzeugt war, ein kerngesunder Mensch zu sein und wollte angesichts ihrer ausweglosen gesundheitlichen Situation das Zustandekommen eines medizinischen Wunders nicht dadurch gefährden, sie über die wahren Umstände aufzuklären. ​

Elvira war die einzige Person, die er kannte, die es jemals geschafft hatte, allein durch ständige Körperbeobachtung mit hundertprozentiger Präzision die zugrunde liegende Krankheit vorauszusagen, ohne auch nur in der Nähe eines Kernspintomographen gewesen zu sein. ​

​„Darf ich Ihnen zum Abschied wenigstens ein Lesezirkel-Abo schenken?“ Elvira war überglücklich. Der Arzt sah Elvira nie mehr wieder.

​Elvira lebte noch weitere sechzig Jahre glücklich und sorgenfrei. Jedes Jahr fuhr sie mit einer Pensionistengruppe zweimal nach Lourdes und überschüttete sich dort mit heiligen Wässerchen, wohlwissend, dass sie Wunder eigentlich nicht nötig hatte. Aber hilft’s nicht, so dachte sie sich, so schadet’s zumindest auch nicht. ​

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